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Ihre Geschichte

Haben Sie auch schon lustige, peinliche, skurrile kulturell bedingte Fettnäpfchen erlebt? Fühlten Sie sich fremd im Sinne von unverstanden? Erlebten Sie Missverständnisse? Wissen Sie auch manchmal nicht mehr, wo Sie „heimisch“ sind? Sitzen Sie zwischen den Stühlen?
In lockerer Folge lesen Sie hier Erlebnisse, die meine Teilnehmer*innen mir erzählt haben. Ich analysiere mit interkulturellem Wissen, was hinter der jeweiligen Situation stecken könnte. Anhand solch praktischer Beispiele können wir kompetenter werden, uns auf zukünftige Begegnungen vorbereiten, gegeb. Fehler vermeiden und selbstsicherer werden. Viel Spaß beim Lesen und Danke an alle, die ihre Geschichte erzählt haben! Lernen Sie selbst interkulturelle Erlebnisse zu analysieren, lesen in weiteren Veröffentlichungen und informieren sich über Veranstaltungstermine unter Aktuelles.

Ihre Geschichte

Die Fahrscheinsammlung

Silvina war gerade aus Argentinien nach Deutschland gekommen. Jeden Tag besuchte sie einen Deutschkurs. Meist wurde sie von ihrem Mann gefahren, aber zweimal wöchentlich musste sie den Bus nehmen. Dafür gab ihr Mann ihr immer eine Fahrkarte. Mit dem Fahrschein in der Hand stieg sie in den Bus, schaute freundlich den Busfahrer an und setzte sich auf den ersten Platz hinter den Busfahrer um vorne herauszugucken. Anschließend musste sie noch ein Stück mit der Bahn fahren.

In ihrer Heimat Buenos Aires warfen die Leute den Fahrschein beim Aussteigen achtlos in die Gegend. Das tat Silvina nie. Sie hatte nämlich beobachtet, wie sauber es war und dass nirgends Fahrscheine in der Gegend lagen. Also steckte sie jeden Fahrschein in ihre Jackentasche, wo sie sich allmählich sammelten.

Nach einiger Zeit wurde sie in der Bahn kontrolliert. Sie verstand erst nicht, was der Mann von ihr wollte. Sie hatte doch einen Fahrschein, sonst hätte sie doch gar nicht einsteigen können, dachte sie. Dann gab sie dem Mann schließlich ihr Bündel alter Fahrscheine. Doch das zählte nicht: sie fuhr „schwarz“! Nicht ein Fahrschein war abgestempelt. Sie hatte sich nach dem Bezahlen immer sofort hinter den Fahrer gesetzt. Sie hatte nie den Stempelautomaten im Bus an der zweiten Tür bemerkt und nie hatte der Busfahrer sie darauf hingewiesen sondern die nächsten Kunden bedient oder er war losgefahren. Auch kein anderer Fahrgast hatte sie darauf aufmerksam gemacht. Und auch bei der Bahn hatte sie nie auf die Automaten geachtet.

Gottseidank war der Kontrolleur sehr nett. Er lachte, als er das Bündel sah und erklärte ihr den Stempelautomaten.

Doch wie war es eigentlich zu ihrem Missverständnis gekommen?

Silvina ist von ihren früheren Busfahrerlebnissen in Buenos Aires ausgegangen. Dort gab es keine Automaten. Man kauft den Fahrschein beim Fahrer, er ist direkt für die angetretene Fahrt gültig. Danach werfen die Menschen ihn weg.

Silvina war sehr konzentriert darauf, dass sie die richtigen Bus- und Bahnlinien nahm und an den richtigen Haltestellen ausstieg. Sie versuchte alles richtig zu machen, sagte freundlich „Guten Tag“, versuchte von den Gesprächen der anderen Fahrgäste Deutsch zu lernen, warf keine alten Fahrscheine in die Gegend usw. Das forderte von ihr hohe Konzentration, so einfach das auch für geübte Bahnfahrer*innen klingen mag. Dass es noch mehr zu beachten gab – nämlich die gekauften Fahrscheine im Automaten abzustempeln – hat sie einfach nicht mitbekommen.

Menschen, die in eine neue Kultur kommen, sind oft mit den einfachsten Dingen stark gefordert, die ein Einheimischer im Schlaf macht (welche Linie, welche Haltestelle, wie grüßen usw.). Zudem übertragen wir zunächst automatisch unsere Erfahrungen auf die neue Kultur (Fahrschein kaufen und fertig). Wenn wir dann einige Abweichungen festgestellt haben (Fahrscheine nicht in die Gegend werfen) und einige Zeit erfolgreich in der neuen Kultur sind (Silvina kam immer zum Ziel), kommen wir gar nicht mehr auf die Idee, dass es noch weitere Dinge geben könnte, die wir beachten müssen (Abstempeln).

Silvina hätte weiter aufmerksam sein müssen, die anderen Fahrgäste beobachten und den Busfahrer, andere Fahrgäste und andere Menschen, zu denen sie Kontakt hatte, fragen, ob sie alles richtig machte. Und ihr Mann, der Busfahrer, die anderen Fahrgäste, die Lehrkraft im Deutschkurs oder Menschen, zu denen Silvina Kontakt hatte, hätten sie von selbst auf das „korrekte Busfahren“ hinweisen können. Doch wer denkt an so etwas bei einer so vermeintlichen Sache wie Bus- und Bahnfahren?

Wie schön, dass der Kontrolleur für die Situation so viel Verständnis hatte.

Helga B. Gundlach: Training - Beratung - Moderation
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