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Ihre Geschichte

Haben Sie auch schon lustige, peinliche, skurrile kulturell bedingte Fettnäpfchen erlebt? Fühlten Sie sich fremd im Sinne von unverstanden? Erlebten Sie Missverständnisse? Wissen Sie auch manchmal nicht mehr, wo Sie „heimisch“ sind? Sitzen Sie zwischen den Stühlen?
In lockerer Folge lesen Sie hier Erlebnisse, die meine Teilnehmer*innen mir erzählt haben. Ich analysiere mit interkulturellem Wissen, was hinter der jeweiligen Situation stecken könnte. Anhand solch praktischer Beispiele können wir kompetenter werden, uns auf zukünftige Begegnungen vorbereiten, gegeb. Fehler vermeiden und selbstsicherer werden. Viel Spaß beim Lesen und Danke an alle, die ihre Geschichte erzählt haben! Lernen Sie selbst interkulturelle Erlebnisse zu analysieren, lesen in weiteren Veröffentlichungen und informieren sich über Veranstaltungstermine unter Aktuelles.

Ihre Geschichte

Das Ende des Pendelns –

Die Pandemie als Krise oder Chance,

sich mit seinem kulturellen Rucksack auseinanderzusetzen

 

Maria hatte in ihrer Heimat Schwierigkeiten beruflich voranzukommen. So kam sie vor vielen Jahren nach Deutschland und brachte als Alleinerziehende ihre kleinen Kinder mit. Schnell lernte sie nicht nur die Sprache, sondern auch einen Mann kennen, bei dem sie mit ihren Kindern wohnen konnte. Dieser entsprach zwar nicht ihren Vorstellungen und auch das Leben war völlig anders, als sie es sich erträumt hatte. Ihre Ausbildung wurde nicht anerkannt, das Essen schmeckte ihr nicht, das Wetter und ihr Leben kamen ihr nur noch grau vor. Aber sie war überzeugt, dass ihre Wahl das beste für ihre Kinder sei. So hangelte sie sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten und verdrängte, wie es ihr eigentlich ging, die Sorge um ihre Kinder stand an erster Stelle.

Dann verliebte sie sich neu, wieder in einen deutschen Mann und diesmal war alles ganz anders. Sie heirateten, bekamen ein Kind, ihr Mann kümmerte sich rührend, begann ihre Sprache zu lernen und akzeptierte ihre ersten Kinder. Und dank seines Geldes konnte sie endlich wieder in ihr Heimatland reisen. Was hatte sie ihre Familie vermisst! Mit ihrem neuen Mann kauften sie gemeinsam ein Haus in der Nähe ihrer Familie und die beiden beschlossen zu pendeln. Ihr gemeinsamer Sohn sollte in beiden Kulturen aufwachsen, beide Sprachen sprechen, in beiden Ländern in den Kindergarten und zur Schule gehen. Der Plan schien aufzugehen. Natürlich war es für beide immer wieder eine Umstellung – das Klima, die politische Situation, die Lebensart, das Essen, die Umgangsformen – alles war so unterschiedlich. Doch wenn einer von beiden etwas vermisste, konnte er den Gedanken zu Seite schieben, in einigen Monaten würden sie ja wieder das Land wechseln. Ihr Sohn schien sich überall gut anzupassen.

Das ging eine Weile gut. Doch dann kam Corona. Die Familie war in Deutschland, an Reisen war nicht zu denken. Maria zog sich immer mehr in sich zurück. Ebenso ihr Sohn. Ihr Mann sorgte sich, und hofft auf das Ende der Pandemie, damit alles wieder so sein könnte wie zuvor. Doch rückblickend stellt er fest, dass es schon länger kriselte.

 

So wie Maria geht es vielen Menschen, die nirgendwo richtig zu Hause sind. Wer ohne Rückfahrkarte seine Kultur, sein Land, seine vertraute Umgebung wechselt/wechseln muss, der muss und kann sich ganz auf das Neue einlassen – so schmerzlich und langwierig dieser Prozess oft ist. Aber es gibt zumindest Klarheit.

Maria hat sich dieser Situation nie gestellt. In ihren ersten Jahren in Deutschland in ihrer ersten Beziehung hat sie jegliche Auseinandersetzung mit der neuen Situation und mit sich selbst vermieden. Eine nicht untypische, in der Regel unbewusste Verdrängungsstrategie. Sie konzentrierte sich voll auf den Erwerb des Lebensunterhaltes und das Aufziehen ihrer Kinder.

Das dann mögliche Pendeln gab ihr subjektiv eine große Zufriedenheit. Sie war überglücklich und wie verwandelt, wenn sie wieder stundenlang einfach nur mit ihrer Herkunftsfamilie zusammensaß. Gleichzeitig versuchte sie umso weniger in Deutschland wirklich anzukommen. Es gab ja auch keine Notwendigkeit, sie musste nur die Monate hier irgendwie überbrücken, kümmerte sich um das neue Kind, hatte eine glücklich Beziehung mit ihrem neuen Mann.

Ein solches Lebensmodell kann gut gehen, ist aber höchst fragil, wenn – aus welchen Gründen auch immer – jemand an der Oberfläche kratzt. Wie schon häufig beschrieben hat Corona viel soziale Schieflagen und psychischen Probleme wie ein Brennglas verstärkt. Das gilt auch hier.

Für ihren Mann war das Wechseln der Kulturen zwar eine Herausforderung. Doch nach langen Jahren fordernder, aber letztlich gleichförmiger Arbeit in Deutschland, überwog bei ihm der exotische Charakter des Neuen. Seine neue Frau, die plötzliche Vaterschaft, das Reisen, die fremde Kultur – das alles brachte einen unverhofften Reiz in seinem Leben, den er genoss und bislang nicht hinterfragte.

Kleine Kinder schaffen kulturelle Wechsel meist gut. Das ist nicht verwunderlich, sie haben ja noch eine viel geringere kulturelle Prägung hinsichtlich Werten und Normen in ihrem sog. Kulturrucksack als Erwachsene und können sich entsprechend leichter auf Neues einstellen. Wichtig ist für sie, dass zentrale Bezugspersonen konstant sind. Das war hier der Fall: beide Eltern waren immer dabei, in beiden Ländern hatte der Sohn ein Umfeld, das ihn akzeptierte. Doch mit zunehmendem Alter werden Peergroups wichtiger. Die konnte er nie aufbauen. Wann immer Beziehungen intensiver wurden, wurde er wieder herausgerissen. In dem Freundeskreis, in den er dann wieder hineinkam, spürte er, dass er deren wesentliche Erlebnisse und Entwicklungen nicht mitgemacht hatte. Und gleichzeitig konnten sie seine Erfahrungen nicht teilen. So blieben auch seine Freundschaften oberflächlich. Hinzukommt seine Pubertät und die damit verbundene Identitätssuche. Das ist für Kinder und Jugendliche, die in mehr als einer Kultur groß werden, eine zusätzliche Herausforderung. Seine Eltern können ihm hierbei nicht helfen. Seine Mutter erlebt er diesbezüglich als Ausfall, der Vater ist gleichermaßen irritiert und überfordert. Hilfreicher sind da oft Jugendliche, die in der gleichen Situation sind, selbst wenn sie aus ganz anderen Kulturen kommen – es geht um vergleichbare Strukturen und Erfahrungen. Müßig zu erzählen, dass auch Marias Kinder, die sie mit nach Deutschland gebracht hatte, immer wieder Schwierigkeiten mit ihrer Identität hatten und haben.

Die Eltern würden in professioneller Psychotherapie oder Beratungen, die auf transkulturelle Fragen spezialisiert sind, Unterstützung finden. Ebenso sind Freunde oder Besuche in Selbsthilfegruppen hilfreich, wenn diese auch bikulturelle Paare sind und das zwischen-den Kulturen-pendeln-kennen. Die jeweiligen Herkunftsfamilien sind oft nur wenig hilfreich oder gar ungewollt kontraproduktiv – es sei denn es gibt da Mitglieder, die eine ähnliche Lebenssituation haben.

 

Weiterführende Informationen:

Transkulturalität: siehe auch Begriffsdefinition au der Startseite

Eine gute Anlaufstelle für Betroffene wie Fachkräfte ist der bundesweite Verein Verband binationaler Familien und Partnerschaften/iaF e.V. https://www.verband-binationaler.de/ der auch über zahlreiche Ortsgruppen und Beratungsstellen verfügt.

Unter „Publikationen“ finden Sie auf dieser Homepage den Artikel „Die Migrationskurve. Ihre Bedeutung in der Bildungs- und Beschäftigungs-Beratung von Menschen mit Migrationsbiografie“, der sich insbesondere an Berater*innen wendet, die mit Menschen zutun haben, die ihre Kulturgewechselt haben, wechseln werden oder „zurück“ gehen.

Helga B. Gundlach: Training - Beratung - Moderation

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