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Ihre Geschichte

Haben Sie auch schon lustige, peinliche, skurrile kulturell bedingte Fettnäpfchen erlebt? Fühlten Sie sich fremd im Sinne von unverstanden? Erlebten Sie Missverständnisse? Wissen Sie auch manchmal nicht mehr, wo Sie „heimisch“ sind? Sitzen Sie zwischen den Stühlen?
In lockerer Folge lesen Sie hier Erlebnisse, die meine Teilnehmer*innen mir erzählt haben. Ich analysiere mit interkulturellem Wissen, was hinter der jeweiligen Situation stecken könnte. Anhand solch praktischer Beispiele können wir kompetenter werden, uns auf zukünftige Begegnungen vorbereiten, gegeb. Fehler vermeiden und selbstsicherer werden. Viel Spaß beim Lesen und Danke an alle, die ihre Geschichte erzählt haben! Lernen Sie selbst interkulturelle Erlebnisse zu analysieren, lesen in weiteren Veröffentlichungen und informieren sich über Veranstaltungstermine unter Aktuelles.

Ihre Geschichte

Wer passt auf die Kinder auf?

 

Frau O. ist aus einem afrikanischen Land nach Deutschland gekommen, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Typischer „Entbindungstourismus“, wie Brigitte, die diensthabende Hebamme im Krankenhaus registriert. Im Schlepptau der Hochschwangeren befinden sich die drei kleinen Kinder von Frau O. Kurz vor der Station läuft Frau O. einer an andere Frau aus ihrem Herkunftsland über den Weg. Die beiden kennen sich nicht. Sie sprechen ein paar Sätze in ihrer Sprache und die Landsfrau nimmt darauf die Kinder von Frau O. mit, um auf sie aufzupassen. Brigitte ist fassungslos. Wie kann Frau O. ihre Kinder so einfach einer ihr völlig unbekannten Frau anvertrauen?

Brigitte hat in ihrer Kultur und insbesondere in ihrer Ausbildung viel  über Bindungstheorie gelernt. Diese Bindungstheorie sagt, dass Kinder in der früheren Kindheit eine klare Bezugsperson brauchen, in der Regel die Mutter. Haben sie das nicht, wird das ihre Entwicklung negativ beeinflussen. Diese Bindungstheorie wurde lange als universal gültig angesehen, vielerorts bis heute. Sie ist jedoch in einem westlichen, individualistischen Kontext (Ich-Denken und -Handeln) entstanden. Man kann sie nicht auf in Wir-Strukturen denkende und handelnde kollektivistische Kulturen (der die Mehrzahl der Menschen der Erde, insbesondere in eher ländlichen Räumen angehört) übertragen. Tut man das dennoch, kommt es naturgemäß zu Fehlinterpretationen und Fehlbewertungen, so z.B. dass Frau O. eine schlechte Mutter sei und sich nicht um ihre Kinder kümmere.

 

 

 

 

 

Vermutlich ist Frau O. aber so aufgewachsen, dass es für sie völlig normal ist, dass immer mehrere Kinder zusammen sind und mehrere Erwachsene. Es gibt keine intensive 1:1-Bindung, sondern alle Mütter oder sonstige (weibliche) Familienangehörige kümmern sich um alle Kinder. Es ist daher nicht unüblich ohne etwas zu sagen von draußen in sein Haus zu gehen um zu kochen oder einkaufen zu gehen. Man weiß ja, dass die anderen Frauen automatisch die Aufsicht und Verantwortung für die Kinder übernehmen, das muss nicht explizit angesprochen werden und ist für die Kinder auch vertraut. Man selbst würde es mit anderen Kindern genauso tun.

Auch die fremde Frau vor der Entbindungsstation dürfte so aufgewachsen sein, so dass es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, die Kinder von Frau O. für die Zeit der Geburt an sich zu nehmen.


Fürs Weiterlesen ist – insbesondere für Fachkräfte im pädagogischen, medizinischen und psychosozialen Bereich – das Buch von Heide Keller „Mythos Bindungstheorie“ zu empfehlen.

 

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